Metralix Journal
Klasse A, Klasse B, „In“ und „Ex“: So vermeiden Sie Messabweichungen beim Messzylinder
In der chemischen, pharmazeutischen und industriellen Analytik ist die präzise Bestimmung von Flüssigkeitsvolumina eine grundlegende Voraussetzung für reproduzierbare Ergebnisse. Während Bechergläser und Erlenmeyerkolben lediglich als Orientierungshilfe mit hohen Toleranzen dienen, zählen Messzylinder zu den standardisierten Volumengeräten aus Glas oder Kunststoff.
Dennoch treten im Laboralltag regelmäßig Messfehler auf. Diese entstehen selten durch Fertigungsmängel der Gefäße, sondern meist durch Unkenntnis der metrologischen Kennzeichnungen nach ISO 4788 sowie durch systematische Handhabungsfehler bei der Ablesung und Dosierung.
1. Toleranzklassen nach ISO 4788: Klasse A vs. Klasse B
Die gebräuchlichsten Messzylinder werden nach den Vorgaben der internationalen Norm DIN EN ISO 4788 gefertigt. Die Norm unterscheidet primär zwei Genauigkeitsklassen, die sich in ihren maximal zulässigen Fehlergrenzen deutlich unterscheiden.
Klasse A (Höchste Präzision)
- Fehlergrenze: Besitzt die halbe Fehlergrenze der Klasse B.
- Graduierung: Verfügt über eine Hauptpunkte-Ringteilung (Ringskala an den Hauptwerten), was das Ablesen des Meniskus erleichtert und Parallaxenfehler minimiert.
- Einsatzbereich: Pflicht in qualitätsrelevanten Analysenbereichen wie der Pharmazeutik (Ph. Eur., USP), der Spurenananalytik sowie in GLP/GMP-zertifizierten Laboratorien.
- Konformität: In der Regel konformitätsbescheinigt und mit Chargen- oder Einzelzertifikat erhältlich.
Klasse B (Standard-Präzision)
- Fehlergrenze: Weist die doppelte Toleranzgrenze im Vergleich zu Klasse A auf.
- Graduierung: Meist mit Strich- oder Teilstrichskala versehen.
- Einsatzbereich: Geeignet für allgemeine Präparationsarbeiten, Ausbildungsbetrieb, Feldanalytik oder Routineanwendungen, bei denen keine zertifizierte Messunsicherheit gefordert ist.
Toleranzvergleich ausgewählter Volumina (gemäß ISO 4788)
| Nennvolumen | Skalenteilung | Fehlergrenze Klasse A (±) | Fehlergrenze Klasse B (±) |
| 10 ml | 0,2 ml | 0,10 ml (1,0 %) | 0,20 ml (2,0 %) |
| 50 ml | 1,0 ml | 0,25 ml (0,5 %) | 0,50 ml (1,0 %) |
| 100 ml | 1,0 ml | 0,50 ml (0,5 %) | 1,00 ml (1,0 %) |
| 500 ml | 5,0 ml | 2,50 ml (0,5 %) | 5,00 ml (1,0 %) |
| 1000 ml | 10,0 ml | 5,00 ml (0,5 %) | 10,00 ml (1,0 %) |
2. Die Justierungsarten: „In“ (TC) vs. „Ex“ (TD)
Ein zentraler Grund für systematische Dosierfehler ist das Nichtbeachten der Justierungsart. Volumengeräte werden herstellerseitig entweder auf Einguss („In“) oder auf Ausguss („Ex“) kalibriert:
- „In“ = Containment (TC: To Contain): Die angezeigte Menge befindet sich IN dem Gefäß.
- „Ex“ = Delivery (TD: To Deliver): Die angezeigte Menge wird beim Ausgießen ABGEGEBEN.
Justierung auf „In“ (Einguss)
Messzylinder sind standardmäßig auf „In“ (TC) justiert. Das bedeutet:
- Bei Erreichen einer bestimmten Skalenmarkierung befindet sich exakt das angegebene Volumen im Zylinder.
- Anwendung: Ideal zum Ansetzen von Lösungen oder zum Auffüllen einer definierten Menge.
- Achtung beim Ausgießen: Wird der Inhalt eines auf „In“ justierten Messzylinders in ein anderes Gefäß umgefüllt, verbleibt aufgrund der Kapillarkräfte und Benetzung ein kleiner Flüssigkeitsfilm an der Innenwand. Das tatsächlich übertragene Volumen ist somit geringer als das abgelesene Volumen.
Justierung auf „Ex“ (Ausguss)
Volumengeräte wie Vollpipetten, Messpipetten oder Büretten sind auf „Ex“ (TD) kalibriert.
- Die Anhaftung der Restflüssigkeit an der Glaswand ist bei der Kalibrierung bereits rechnerisch berücksichtigt.
- Anwendung: Messzylinder werden nur in speziellen Sonderbauformen auf „Ex“ kalibriert. Werden exakte Volumina zur Übertragung in ein Zielgefäß benötigt, sollte stets auf Pipetten oder Büretten zurückgegriffen werden.
3. Zertifikate und metrologische Rückführbarkeit
Für Auditierungen und Qualitätsmanagementsysteme nach ISO 9001, ISO/IEC 17025 oder GMP genügt der bloße Aufdruck der Klasse A oft nicht. Es wird eine lückenlose Dokumentation gefordert:
- Chargenzertifikat (Batch Certificate): Bestätigt, dass Stichproben der entsprechenden Produktionscharge die Toleranzgrenzen der ISO 4788 einhalten. Der Kennbuchstabe „DE-M“ oder „H“ auf dem Glas dokumentiert die Konformität nach dem deutschen Mess- und Eichrecht.
- Einzelzertifikat (Individual Certificate): Ein spezifisches Messprotokoll für ein einzelnes Gefäß inklusive eindeutiger Seriennummer.
- DAkkS-Kalibrierschein: Höchster Standard der metrologischen Rückführbarkeit, ausgestellt von einem akkreditierten Kalibrierlaboratorium.
4. Die 4 häufigsten Fehlerquellen bei der Volumenmessung
1. Parallaxenfehler (Falscher Blickwinkel)
Wird die Skala schräg von oben oder unten abgelesen, führt dies zu einer optischen Verschiebung des Flüssigkeitsspiegels gegenüber der Graduierung.
- Lösung: Die Augenhöhe muss sich exakt auf Höhe des Flüssigkeitsmeniskus befinden.
2. Ablesefehler beim Meniskus
Wässrige Lösungen bilden an der Glaswand durch Adhäsionskräfte einen konkaven (nach unten gewölbten) Meniskus aus.
- Lösung: Abgelesen wird stets am untersten Scheitelpunkt der Wölbung. Der tiefste Punkt der Kurve muss die Oberkante des Skalenstrichs tangieren. Bei dunklen oder undurchsichtigen Flüssigkeiten wird am oberen Rand abgelesen (muss im Protokoll vermerkt werden).
3. Abweichende Proben- und Umgebungstemperatur
Volumengeräte aus Glas werden gemäß Norm auf eine Bezugstemperatur von 20 °C kalibriert.
- Physikalische Auswirkung: Das Ausdehnungsverhalten von Glas ist zwar gering (thermischer Ausdehnungskoeffizient von Borosilikatglas 3.3 ca. 3,3 * 10^-6 1/K), jedoch dehnt sich die Probenflüssigkeit selbst bei Temperaturabweichungen signifikant aus oder zieht sich zusammen.
- Lösung: Probenmedien vor der Volumeneinstellung temperieren lassen.
4. Verschmutzung und Fettfilme an der Innenwand
Verschmutzungen oder Fettrückstände verändern die Benetzungseigenschaften der Oberfläche.
- Auswirkung: Die Flüssigkeit läuft nicht gleichmäßig ab oder bildet unregelmäßige Tropfen an der Innenwand, was die Geometrie des Meniskus verfälscht.
- Lösung: Regelmäßige Reinigung mit tensidischen, rückstandsfreien Laborreinigern. Keine abrasiven Scheuermittel oder beschädigten Drahtbürsten verwenden, da Riefen das Auslaufverhalten dauerhaft verändern.
5. Systematische Prüf- und Handhabungsübersicht
| Messfehler | Ursache | Folge | Präventivmaßnahme |
| Parallaxe | Blickwinkel schräg zur Skala | Systematische Über- oder Unterdosierung | Augenhöhe exakt waagerecht auf Meniskushöhe bringen |
| Einguss vs. Ausguss | Auf „In“ justiertes Gefäß wird zum Dosieren genutzt | Zu geringe Zielmenge im Empfangsgefäß (Wandbenetzung) | Auf „In“ justierte Zylinder nur zum Ansetzen nutzen; für Transfer Pipetten („Ex“) wählen |
| Temperaturabweichung | Probenflüssigkeit > 20 °C oder < 20 °C | Volumenfehler durch Dichteänderung der Flüssigkeit | Messung bei kontrollierter Raumtemperatur (20 °C) durchführen |
| Meniskusfehler | Ablesung an der Oberkante statt am Tiefpunkt | Falsches Ablesevolumen | Immer am tiefsten Scheitelpunkt des konkaven Meniskus ablesen |
Standard-Arbeitsanweisung (SOP): Präzises Messen mit dem Messzylinder
- Sicht- und Sauberkontrolle: Messzylinder auf Risse, Abplatzungen und saubere, fettfreie Innenwände prüfen.
- Temperaturkontrolle: Sicherstellen, dass Gefäß und Probenflüssigkeit die Kalibriertemperatur (20 °C) erreicht haben.
- Ebenes Aufstellen: Den Messzylinder auf einer erschütterungsfreien, waagerechten Arbeitsfläche platzieren.
- Befüllung & Ablesung: Die Flüssigkeit langsam einfüllen. Zum präzisen Ablesen auf Augenhöhe gehen und den untersten Scheitelpunkt des Meniskus exakt auf den Skalenstrich ausrichten.
- Verwendungszweck beachten: Beachten, dass beim Ausgießen aus einem auf „In“ kalibrierten Messzylinder eine benetzungsbedingte Restmenge im Gefäß verbleibt.